Förderverein rege e.V.

Forum Infantile Cerebralprarese

  • Schrift vergrößern
  • Standard Schriftgröße
  • Schriftgröße verkleinern

Medizinisch machbar - aber wieviel verträgt die Psyche?

E-Mail Drucken

Referent: Diplm. Psych. H. Zimmermann

Referent Diplm. Psych. H. Zimmermann zur Bedeutung der interdisziplinären Betreuung von Kindern mit infantiler Cerebralparese während des stationären Aufenthaltes.

Sich diese Frage zu stellen in einer Zeit rasanter medizinischer und technischer Veränderungen hin zu immer unbegrenzteren Möglichkeiten, wird in unserer Zeit immer dringlicher. Gerade im Vorfeld eines medizinischen Eingriffs bei einem Kind kann diese Frage mit entscheidend sein für einen gelungenen Rehabilitationsprozess.

Gerade bei einem Kind ist dieser Prozess von mehr Faktoren abhängig als bei einem erwachsenen Patienten. Hat das Kind Schulprobleme, oder haben sich die Eltern getrennt, gibt es Ablösungsprobleme des Kindes vom Elternhaus – um nur einige, begleitende Variablen zu nennen – dann beeinflussen diese Begleitprobleme schon den Ausgang des Rehabilitationsprozesses mit.

Was einem Kind zumutbar ist, kann immer nur individuell entschieden werden und ist außer von den eingangs geschilderten Begleitumständen von weiteren Faktoren abhängig. Je invasiver der medizinische Eingriff vom Kind erlebt wird, je weniger das Kind den Eingriff auf Grund seines Alters oder Entwicklungsstandes verstehen kann, je länger das Kind im Krankenhaus verbleiben muß und je immobiler das Kind nach der Operation ist, um so mehr muss man sich darüber Gedanken machen, wie man dem Kind in seiner momentanen Situation helfen kann und wie Folgeschäden für das Kind zu vermeiden sind.

Die Problematik nur unter medizinischen Gesichtspunkten zu diskutieren, greift zu kurz und wird der Komplexität der Sache nicht gerecht.

Neben dem Erfolg des medizinischen Eingriffs beeinflussen psychosoziale Faktoren das Erleben des Kindes sehr stark. Kinder leben sehr intensiv in einer kleinen Umwelt, gewohnte Tagesrhythmen geben dem Kind Sicherheit und Struktur. Schon die Aufnahme im Krankenhaus, der unterschiedliche Tagesablauf können auf das Kind fremd und bedrohlich wirken und kann beim Kind Unsicherheiten, Ängste und Stress auslösen. Die Anwesenheit eines nahen Verwandten, zumeist der Mutter, zusammen in einer Mutter-Kind-Einheit oder in einem unserer Besucherzimmer können Ängste und Stress lindern und sind ein erster Schritt in die richtige Richtung. Je jünger ein Kind ist, bzw. je niedriger der Entwicklungsstand eines unserer geistig-mehrfach behinderten Kinder ist, um so weniger können sie die medizinischen Maßnahmen kognitiv verstehen und haben daher um so mehr das Gefühl des Ausgeliefertseins. Dazu kommt die erlebte Abhängigkeit von den erwachsenen Bezugspersonen, die für das Kind entscheiden. Ein weiteres Problem ist, dass kleine Kinder entwicklungsbedingt ein nur wenig ausgeprägtes Zeitverständnis haben; sie müssen mit Hilfskonstruktionen arbeiten, um sich längere Zeitabstände zu erklären.

Aus all diesen Gründen wird ein Krankenhausaufenthalt vom Kind in aller Regel als wesentlich belastender erlebt als von einer erwachsenen Person. Es ist deshalb eminent wichtig, alles dran zu setzen, den Stress und die Ängste, die das Kind während seines Krankenhausaufenthaltes erlebt, durch flankierende Maßnahmen zu reduzieren.


Was ist unter flankierenden Maßnahmen zu verstehen?

Neben einer suffizienten postoperativen Schmerzabdeckung sind flankierende Maßnahmen all jene Maßnahmen, die dem Kind helfen, sich mit der neuen, fremden und oft angstbesetzten Situation vertraut zu machen und es ihm dadurch ermöglichen, zu anderen Kindern und deren Eltern sowie zum Rehabilitationsteam vertraute Beziehungen aufbauen zu können. Wenn uns dies gelingt, wird das Kind den Krankenhausaufenthalt weniger beängstigend erleben. Wenn es gelingt eine weitestgehend angst- und stressfreie Atmosphäre zu entwickeln, werden wir die Neugierde des Kindes wecken, die ihm hilft sich zunehmend spielerisch mit seiner Situation auseinander zu setzen.

Flankierende Maßnahmen ergeben sich nicht aus der Situation heraus, sondern erfordern den Austausch von Informationen aller Berufsgruppen, die mit dem Kind arbeiten. Der interdisziplinäre Informationsfluss der Mitarbeiter in Teambesprechungen, in denen flexibel auf die momentanen Bedürfnisse der Kinder und ihrer Begleitpersonen eingegangen wird, schafft wichtige Voraussetzungen für eine gelungene Rehabilitation des Kindes. Das Kind ganzheitlich in seinem Beziehungsgeflecht zu seiner Familie zu sehen, die flexible Herangehensweise an das gesteckte Rehabilitationsziel, wie auch die kritische Reflektion der eigenen Arbeit sind Grundbedingungen für das Gelingen flankierender Maßnahmen.

Kinderbetruung in der Orthopädischen Uniklinik Heidelberg

Kinderbetruung in der Orthopädischen Uniklinik Heidelberg

Kinderbetruung in der Orthopädischen Uniklinik Heidelberg

Dafür ist das ganze Team gefordert:

  • Einfühlsame Ärzte, die auf die Sorgen und Ängste der Eltern und Kinder eingehen.

  • Ausreichendes Pflegepersonal, das die Eltern in den Mutter-Kind-Einheiten in pflegerische Maßnahmen einbindet, um der Mutter Sicherheit im Umgang mit ihren operierten Kindern zu geben.

  • Erzieherinnen, die mit dem Angebot ihres Spielzimmers die Neugierde des Kindes wecken und seinen Spieltrieb fördern.

  • Eine Physiotherapie, die die psychischen und physischen Belastbarkeitsgrenzen des Kindes erkennt.

  • Eine Ergotherapie, die durch ihre Diagnostik und Hilfsmittelversorgung die Behinderungssituation des Kindes erlebbar verbessert.

  • Lehrer in der Krankenhausschule, die dem Kind ein Stück Normalität zurückgeben, die es von zu Hause kennt.

  • Eine Logopädin, die es dem Kind ermöglicht, besser mit seiner Umwelt zu kommunizieren und durch Üben der Schluckfähigkeit die Nahrungsaufnahme verbessert.

  • Ein Psychologe, der durch Gespräche bzw. spieltherapeutische Verfahren versucht, Misstrauen abzubauen, Stress und Ängste zu lindern und dem Kind hilft, sich in den Krankenhausablauf einzugewöhnen.

Nur die gezielte, individuelle Kombination dieser flankierenden Maßnahmen und die Erfahrung der am Rehabilitationsprozess beteiligen Berufsgruppen schafft optimale Bedingungen beim Erreichen des gesteckten Ziels.

Abschließend möchte ich nochmals bemerken, dass in diesem Prozess keinesfalls die Eltern außer Acht gelassen werden dürfen. Nur wenn die räumlichen Gegebenheiten im Krankenhaus es den Eltern ermöglichen sich zusammenzusetzen, sich über Sorgen und Ängste bezüglich ihrer Kinder auszutauschen sowie die Möglichkeit besteht, sich mit den Therapeuten zu beraten, ein offenes Ohr zu finden mit ihren Anliegen, schafft alles das das Vertrauen aller Beteiligten untereinander und hilft den Eltern, sich in diese auch für sie nicht einfache Krankenhaussituation einzufinden. Gelingt es eine familiäre Atmosphäre zu schaffen, nimmt dies spürbar einen Teil der Belastung von den Eltern, was wiederum positiv auf die Kinder zurückwirkt.


Zusammenfassend lässt sich sagen:

Je mehr es uns als Team gelingt, die für das Kind unangenehme, oft angstbesetzte Situation im Krankenhaus in eine angenehme, stressarme Situation zu verwandeln, ohne unser Rehabilitationsziel aus den Augen zu verlieren, um so wahrscheinlicher wird das Gelingen des Rehabilitationsprozesses. Gerade die gelungene interdisziplinäre Zusammenarbeit ist neben der erfolgreichen Operation ein Garant für eine vertrauensvolle Beziehung zu Kindern und Eltern. Nur der interdisziplinäre Austausch über die individuelle momentane Situation des Kindes und seines psychosozialen Umfeldes führen dazu, das Rehabilitationsziel flexibel anzugehen, ohne das Kind zu über- oder unterfordern. Eine stressarme Atmosphäre schafft Vertrauen in unsere Arbeit und eine gute Voraussetzungen für eventuelle weitere statinäre Maßnahmen. Psychische Folgeschäden für das Kind werden dadurch weitestgehend vermieden.

Diplm. Psych. Horst Zimmermann Horst Zimmermann ist Rehabilitationspsychologe an der Stiftung Orth. Universitätsklinik Heidelberg und ausgebildeter Krankenpfleger. Er verfügt über langjährige Erfahrung in der pflegerischen und psychologischen Betreuung insbesondere von querschnittsgelähmten Patienten und Kindern mit infantiler Cerebralparese.

Lesen Sie auch:

--> "Schule für Kranke" an der Stiftung Orth. Universitätsklinik Heidelberg

Quelle: http://www.ok.uni-heidelberg.de