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Psychologische Betreuung

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Fragen und Antworten rund um die psychologischen Betreuung

Spastische Diplegie und nun Agoraphobie
 


von Andrea am 28.Jan.2002 19:58


Sehr geehrte Experten,

ich bin durch zufälliges Surfen im Net auf diese Seite geraten - und möchte herzlich gratulieren - endlich mache ich mal die Erfahrung, dass es wohl doch Ärzte gibt, die wissen, was eine Spastische Diplegie ist.
Ich habe diese Behinderung von Geburt an - und bin bis vor ca. 4 Jahren damit auch sehr gut zurecht gekommen - mich hat die Behinderung nie wirklich behindert.

Vor ca. 4 Jahren hatte ich einen Unfall ich bin auf vereister Fahrbahn ausgerutscht und konnte mich ohne fremde Hilfe aufgrund der Glätte nicht aufrichten. Von weitem kam eine Straßenbahn auf mich zu und ich dachte schon "das wars" im letzten Moment hat mir ein nettes Ehepaar geholfen und brachte mich bis zum nächsten Bahnhof.

Seit diesem Erlebnis fühlte ich mich von Tag zu Tag unsicherer, merkte Zittern in den Beinen, zunächst nahm ich "zur Sicherheit" einen Schirm mit, dann eine Gehilfe, bis ich irgendwann nur noch lief, wennn ich jemand an meiner Seite wußte, der mich im Bedarfsfall stützen könnte.
Schlagartig wurde eine bis dahin immer selbstständige Frau abhängig von Familie, Freunden, Arbeitskollegen etc..
Da ich etwas Tun wollte, begab ich mich in Behandlung eines Psychologen, der sagte vielleicht haben Sie eine Phobie, vielleicht hat die Unsicherheit mit Ihrer Behinderung zu tun...
Ich ging zu einem weiteren Psychologen, der sagte ich weiß nicht....
Ich ging in ärztliche Behandlung und bekam tagonis verschrieben, ein Medikament gegen Panik und Phobien, es hat überhaupt nicht gewirkt.
? Wer kann mir gfs. erfahrene Therapeuten empfehlen (Ruhrgebiet) bin für jeden Tip dankbar.

RE: Spastische Diplegie und nun Agoraphobie
 


von Dr. med. L. Döderlein, Orthopäd. Universitätsklinik Heidelberg, Abteilung Orthopädie II am 28.Jan.2002 20:02


Sehr geehrte Frau Andrea ......

Das Problem, das durch einen Sturz die bisher einigermaßen bewältigte Gehfähigkeit verschlechtert wird, ist nicht selten.
Dies liegt daran, dass man ohnehin sich überwiegend auf das Gehen konzentrieren mußte und das durch jede Ablenkung von außen eine Sturzgefährdung auftritt. Grundsätzlich ist ohne Kenntnis des Gangbildes keine genaue Beurteilung möglich. Es ist aber sicherlich sinnvoll, dass man gezielt neben krankengymnastischer Behandlung Gleichgewichts- und Gehübungen sowie Sturzübungen auch psychologisch versucht, der Sache etwas näher zu kommen. Eine zusätzliche Hilfe könnte auch die Versorgung mit einem elastischen Ganzkörperdress sein, der über die Reizaufnahme der Haut etwas mehr Stabilität in Bezug auf die Gehfähigkeit vermitteln kann. Dies wurde auch durch wissenschaftliche Untersuchungen bereits belegt. Im Ruhrgebiet ist die Behandlung dieser Störung relativ wenig verbreitet. Am ehesten könnte ich Ihnen noch empfehlen, sich in der Orthopäd. Uni-Klinik in Düsseldorf bei Frau Dr. Westhoff vorzustellen, die über längere Erfahrungen mit diesem Krankheitsbild verfügt. eine alternative Möglichkeit wäre auch ein therapeutischer Aufenthalt in der Rheintal Klinik in Bad
Krozingen bei Herrn Dr. Lohse-Busch und seinem Team, die über längere Behandlung mit diesem Krankheitsbild, auch bei problematischem Verlauf verfügen.

Mit freundlichen Grüßen
Dr. med. L. Döderlein

Selbstständigwerden
 


von Sandra Kohlheyer am 1.Mar.2004 13:29

Sehr geehrter Herr Zimmermann,

mein Sohn Christian (4,8 Jahre alt, Drillingskind) hat eine spastische Diplegie, kann aber frei laufen, stehen und sich sehr gut artikulieren. Kurz: Er ist recht fit, weigert sich aber immens, selbstständig zu werden. So könnte er z.B. seine Hände alleine waschen, aber er versucht es jedesmal wieder mit "Ich kann das nicht alleine". Obwohl ich immer hart bleibe - er bleibt es auch und macht ein unheimliches Theater. Das ist nur ein Beispiel. Ich könnte viele nennen.

Gleichsam fällt ihm die Ablösung von mir sehr schwer. Er möchte mich möglichst immer in Beschlag nehmen, kann schlecht alleine spielen und manipuliert sich so selber in eine Außenseiterposition. Zwar besucht er einen Kindergarten, doch auch dort macht er "sein eigenes Ding".
In Gruppen fühlt er sich ohne eine ihm vertraute erwachsene Person unwohl, fängt an zu weinen.
Mir ist klar, das ich klare Grenzen setzen muß und das mache ich auch. Nur ist Christian extrem stur! Seine sozialen Kompetenzen sind schlecht und ich mache mir im Hinblick auf die Einschulung große Sorgen. Kognitiv ist er nämlich fit.
Darum möchte ich rechtzeitig reagieren und versuchen, diese Situationen zu entschärfen. Leider fällt mir jetzt langsam nichts mehr ein.
Haben Sie einen Tipp für mich, wie ich Christian helfen könnte, seinen Platz in der Gesellschaft zu finden?

Danke für Ihre Mühe!!!

Sandra Kohlheyer mit
den Drillingen Jonas, Christian, Samuel *6/99

RE: Selbstständigwerden
 


von H. Zimmermann am 10.Mar.2004 14:38

Liebe Frau Kohlheyer,

Ich gehe davon aus, dass ihre beiden anderen Söhne nicht behindert sind. Wichtig wäre noch welchen Kindergarten Christian besucht? Ich gehe mal davon aus, dass dies ein Normalkindergarten ist.
Es ist gut, dass sie in der Erziehung konsequent bleiben, andererseits zeigt sich in meiner täglichen Arbeit immer wieder das körperbehinderte Kinder selbstunsicherer und ängstlicher sind, als Kinder ohne Behinderung. Ich habe meine Diplomarbeit über Selbstwertunterschiede bei Körperbehinderung geschrieben. Ergebnis der Untersuchung war, dass Menschen mit erworbener Körperbehinderung selbstunsicherer als nicht behinderte Menschen sind. Menschen mit angeborenen Körperbehinderungen sind noch unsicherer als Menschen mit erworbenen Behinderungen.
Ich denke, das liegt daran, dass diese Menschen schon als Kinder auf Grund ihrer Behinderung nicht die Möglichkeit hatten, genauso viel zu explorieren wie Nichtbehinderte. Ausserdem befinden sich schon Kinder in sozialen Vergleichsprozessen, um sich in ihrer nächsten Umwelt zurecht zu finden und sich zu orientieren, d. h. Christian vergleicht sich ganz sicher mit seinen Drillingsbrüdern und schliesst in diesem Vergleich schlechter ab als seine Brüder. Ausserdem weiss er, dass er irgendwie anders ist als andere Kinder, er kann zwar Behinderung intellektuell noch nicht fassen, aber intuitiv merkt er schon das er anders ist.
Ich denke es wäre wichtig für Christian andere Menschen (Kinder) mit Behinderung zu erleben, um sich mit diesen vergleichen zu können, hier wäre ein integrativer Kindergarten vielleicht eine Möglichkeit ihm zu helfen selbstsicherer und damit weniger ängstlich zu werden. Dies könnte man noch kombinieren mit einem Heilpädagogen(in), die Christian mit in den Kindergarten begleitet und ihn anleitet neue Fertigkeiten zu erlernen und ihm hilft in sozialen Situationen im Kindergarten zu bestehen. Dadurch würde nicht die ganze Last auf ihren Schultern lasten und Christian hätte für eine bestimmte Zeit jemanden der sich nur um ihn kümmert, ihn fördert und fordert. Nach altem Gesetz konnte man Heilpädagogik über die Krankenkasse bzw über das Gesundheitsamt beantragen, ob das 2004 noch geht weiss ich nicht.
Ich hoffe und wünsche mir, dass mein Vorschlag eine Lösungsmöglichkeit ihres Problems darstellen könnte.

Mit freundlichem Gruss
Horst Zimmermann