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Wissenschaftliches / Pathophysiologie der ICP

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Neurobiologische Grundlagen der ICP und deren Auswirkungen

Unruhe
 


von Michael Turinsky am 22.Aug.2004 15:13

Liebes Rege-Team!

Ich bin 25 Jahre alt und habe selbst seit Geburt eine CP. Meine Frage ist vielleicht ein bisschen ungewöhnlich und persönlich, auch ein wenig kompliziert, ich will versuchen, mich möglichst klar auszudrücken.
Im Prinzip würde ich gerne besser verstehen, weshalb ich, wenn ich bewusst ruhig sein möchte, immer ganz unruhig werde. Ob ich etwa beim Zahnarzt bin, still halten will, damit er besser arbeiten kann, oder ob eine Frau ihren Kopf auf meine Schulter legt und ich ruhig bleiben will - das Ergebnis ist das gleiche: ich fange an zu zucken.
Nun würde mich nicht nur interessieren, was sich da neurologisch abspielt; mich würde vor allem interessieren, inwieweit es sich hierbei gewissermaßen um ein individuelles vorwiegend psychisch-mentales Problem handelt bzw. inwieweit dieses Problem schlicht aus meiner Behinderung resultiert. Und wie genau greifen beide Faktoren ineinander?
Über eine detaillierte Antwort würde ich mich sehr freuen!

Vielen Dank & liebe Grüße!
Michael T.


RE: Unruhe
 


von Markus Butz am 26.Aug.2004 18:11

Sehr geehrter Herr Turinsky!
Haben Sie vielen Dank für Ihre interessante Anfrage. Das von Ihnen beschriebene Phänomen, dass die Spastik (insb. in Form von Spasmen) während der körperlichen und mentalen Entspannung zunimmt, ist sicher kein Einzelfall (das kann ich aus eigener Erfahrung bestätigen) und lässt sich physiologisch wohl auch recht einfach erklären: Die wesentlichen Zeichen einer Spastik, wie die gesteigerte Muskelspannung (Tonus) und die oft unwillkürlich einschießenden Muskelzuckungen (Spasmen) ect. lassen sich im wesentlichen durch Störungen im Rückenmark erklären. Die motorischen Regelkreise im Rückenmark stehen unter ständiger Kontrolle höherer Hirnzentren, die mit Bewegung beauftragt sind. Erleidet das Gehirn in diesen motorischen Zentren und Kernen eine dauerhafte Schädigung (daher Cerebral- Parese) fehlt diese Kontrolle teilweise - abhängig vom Ausmaß der Schädigung. Eingehende sensorische Signale für Berührung, Dehnung und sogar Schmerz werden dann oft nicht ausreichend gefiltert und resultieren in einer krankhaft gesteigerten motorischen Antwort (Reflexbogen) in Form eines Anstiegs der Muskelspannung und in Spasmen. Bei milderen Formen der Spastik können diese krankhaft übersteigerten Reflexe bewusst weitestgehend unterdrückt werden. So kriegt man bei koordinierten willkürlichen Bewegungen selten Spasmen, aber es kommt - wie Sie es treffend beschreiben - zu einer Verstärkung der Spasmen während der Entspannungsphasen. Dann wird nämlich die aktive Kontrolle aus dem Großhirn und dem Hirnstamm auf die Nervenbahnen im Rückenmark herabgesetzt.

Es gibt die Möglichkeit, medikamentös diese unerwünschten Symptome der Spastik zu lindern. Ist die Spastik jedoch nur in der Ruhephase sehr stark ausgeprägt, würde ich aus eigener Erfahrung von einer Therapie mit Baclofen (Lioresal) abraten, weil die Nebenwirkungen nicht unerheblich sein können. Wenn sich diese Symptome in der Ruhephase insb. vor dem Einschlafen nicht tolerieren lassen, kann man dazu übergehen kurzfristig und in Ausnahmefällen Diazepam (Valium) zu nehmen. Letzteres dient zur schnellen Entspannung der Muskulatur, macht jedoch auch insgesamt müde. Die Medikation sollte auf jeden Fall mit einem erfahrenen Neurologen oder Orthopäden abgesprochen werden.

Die für mich optimale Lösung sind Lagerungsschalen, in die ich meine Beine über Nacht lege, um den Muskeltonus zu senken. Dabei ist darauf zu achten, das die Schalen die Beine nur fixieren, nicht aber stark dehnen. Das wiederum würde zu einer Verstärkung der Spastik führen. Lagerungsschalen sind gewöhnungsbedürftig, aber durchaus ein Versuch wert, weil sie den geringsten Aufwand bei m. E. effektivstem Nutzen zeigen. Dies ist aber sicher vom Einzelfall abhängig.

In der Hoffnung, Ihnen geholfen zu haben, verbleibe ich mit freundlichen Grüßen,

Ihr Markus Butz



Abt. für Neuroanatomie

Universität Bielefeld

Schwierigkeiten mit Sprache und Atmung bei ICP
 


von K.Wahlbrink am 29.Aug.2004 11:03

Sehr geehrter Herr Butz,
vielen Dank für Ihre schnelle Antwort auf meine Frage vom letztenmal. Heute habe ich eine Frage die mich persönlich betrift. Es geht um meine Schwierigkeiteiten sobald ich in Stresssituationen komme beim Sprechen, beim Telefonieren usw. steigt mein Muskeltonus schmerzhaft an. Inwieweit steht das in Zusammenhang mit meiner ICP? Für eine datailierte Antwort wäre ich dankbar.
Mit freundlichem Gruß
Kerstin Wahlbrink

RE: Schwierigkeiten mit Sprache und Atmung bei ICP
 


von Markus Butz, webmaster rege e.V. am 5.Sep.2004 11:42

Liebe Frau Wahlbrink!
Aus Ihrer Anfrage entnehme ich, dass bei Ihnen auch die Sprachmotorik von der Spastik betroffen ist. Es ist bei Menschen, die eine ausgeprägte Spastik der Skelettmuskulatur haben, häufig der Fall, dass auch die Kontrolle der Stimmbänder durch die Spastik beeinträchtigt ist. Wenn Sie dazu neigen, auf Stress mit einem höheren Tonus zu reagieren, kann es leicht sein, dass Ihnen auch das Sprechen unter Stress schwerer fällt. In wie weit die Spastik das Planen von Sprache im Gehirn beeinflusst, lässt sich so nicht bzw. nur sehr spekulativ beantworten. Denn auch beim gesunden Menschen bedeutet Stress eine vermehrte Aktivität im Gehirn, die die Bahnung von motorischen Mustern stört. Jedoch sind bei ICP‘lern die motorischen Funktionen durch die frühkindliche Hinrnschädigung, die zu der Spastik geführt hat, insgesamt beeinträchtigt und besonders anfällig gegenüber Störreizen wie z.B. Stress. Nichtsdestotrotz lässt sich die Situation aber durch Training verbessern. Ein Logopäde mit Therapie-Erfahrung bei ICP‘lern wird Ihnen sicherlich helfen können.
Mit freundlichen Grüßen
Markus Butz
Abt. f. Neuroanatomie
Univ. Bielefeld